Predigt Ostermontag

/ April 13, 2020/ Predigten

Liebe Gläubige!

“Bleib bei uns Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt!“ Diese Worte der Emmausjünger scheinen uns aus dem Herzen gesprochen. Während aber die Jünger an den Herrn dachten, dem der lange Heimweg nicht mehr zuzumuten war, dürfen wir Ihn bitten zu bleiben, weil uns die Schatten unserer Zeit selbst furchtsam machen. Während die Emmausjünger nämlich noch nicht wussten, wer bei ihnen einkehrte, haben wir den Herrn schon am Brotbrechen erkannt. Wir wissen, dass er mit uns auf dem Weg ist, ja noch mehr, dass er in jeder heiligen Messe mit uns das Brot des Lebens bricht, in dem Er selbst sich uns schenkt.

Daher dürfen wir ihn bitten zu bleiben, wenn es Abend wird und der Tag sich neigt. Leben wir nicht am Abend unserer Kultur? Hat sich der Tag unserer christlichen Gesellschaftsordnung nicht schon lange geneigt? Sind die Schatten nicht so lang geworden, dass sie nun wie bedrohliche Gespenster auf uns wirken? Unsere Institutionen scheinen schwach und hinfällig, Recht und Gesetz oft beliebig interpretierbar, persönliche Interessen derer, die uns leiten, nicht selten im Vordergrund und allerlei Ideologien, die wir lange überwunden glaubten, sind zurück.

In der Kirche scheint es nicht besser auszusehen. Mut, Frömmigkeit und Liebe zur Wahrheit scheinen selten geworden. Statt klarer Worte trifft man bestenfalls auf Schweigen; nur, wenn sich angepasst werden muss, wird Stärke simuliert. Es wird viel von Reformen gesprochen, doch die Maßstäbe solcher Verbesserungen bleiben zweifelhaft. Menschenfurcht und Medienwirkung gewinnen vor Treue zur katholischen Lehre und Moral. Ist das auch der Abend der Kirche? so hört man ängstlich fragen.

Dass wir in einer Zeitenwende leben, steht außer Diskussion. Vielleicht werden die bürgerlichen Institutionen, so wie wir sie in einer außergewöhnlich langen Friedenszeit erlebt haben, bald so ausgehöhlt sein, dass sie tatsächlich zerfallen. Kein Staatswesen ist ewig, so lehrt die Geschichte. Die klassische Kultur, so wie sie noch unsere Väter gekannt haben, hat sich tatsächlich längst verabschiedet. Unwissenheit und Unbildung steigen. Ob der Frieden, den uns Gott so lange erhalten hat, dauern wird, weiß Er allein. Europa hat sich öffentlich und privat von seinen christlichen Wurzeln losgerissen und sie verleugnet. Wie können wir erwarten, dass alles so weitergeht wie bisher?

Für einen Staat und eine Gesellschaft ohne Gott kann niemand die Garantie übernehmen. Für die Kirche aber hat sie Christus seit ihrer Gründung übernommen. Die Kirche hat alles überlebt und wird es auch in Zukunft tun. Durch göttliche Stiftung und Willen ist sie unzerstörbar. Sie hat den Verrat Petri und die Feigheit der Apostel überlebt, und das nicht nur einmal! sie hat den Untergang großer Reiche und Kulturen überlebt, und zwar schon viele Male. Sie hat Verfolgungen, Seuchen, Barbarei, Völkerwanderungen, Unterdrückung, Martyrium, Häresie und Irrtum überlebt, so oft, dass ihre dauernde Existenz in sich selbst ein Wunderwerk der göttlichen Allmacht geworden ist.

„Du bist Petrus: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!“ (Matthäus 16, 18), hat der Herr dem Petrus bei Cäsarea Philippi gesagt. Damals wusste er schon, dass Petrus ihn im Stich lassen würde, dass er als Mensch feige und großsprecherisch war, dass man sich nicht auf ihn verlassen konnte. Trotzdem hat er ihm die Schlüssel des Himmelreiches gegeben und seither nie mehr entzogen.

Große Heilige, gewaltige Fürsten, weise Theologen haben das Schiff Petri durch die Stürme der Zeiten gesteuert, aber es hat wohl auch einige Feiglinge, Opportunisten, Weltlinge und Scharlatane auf dem Thron Petri gegeben. Die Zahl der guten Päpste ist weit höher, aber die anderen haben doch für kurze Zeit großes Übel anrichten können. Die Kirche hat sie alle überlebt!

Warum ist das so? Weil der Herr die Bitte der Emmausjünger schon erhört hat. In dem Evangelium des heutigen Tages heißt es: „Er stellte sich so, als wollte Er weitergehen.“ (Lukas 24, 28) In Wirklichkeit aber hatte er schon entschieden zu bleiben, um die Jünger über die Wahrheit der Auferstehung zu belehren. Er hat sich für immer entschieden, in der Kirche zu bleiben. Daher nennt er sie „meine Kirche“. Daher fragt er den die junge Kirche verfolgenden Paulus: „Warum verfolgst du Mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4) Er identifiziert sich mit Seiner Kirche! Manchmal stellt er sich allerdings in der Kirchengeschichte so, als wolle Er nicht bleiben. So scheint es heute, wie schon viele Male vorher. Aber er bleibt immer. Er will nur, wie damals, dass wir Ihn bitten, damit unsere Herzen offen werden, seine Gegenwart zu erkennen.

Bitten wir ihn also dringend um seine Gegenwart, wie der Emmausjünger. Wenn wir uns Sorgen machen um die Zukunft, wenn wir an der Gesellschaft verzweifeln, wenn wir die Vertreter der Kirche nicht mehr verstehen: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden!“ Wenn wir ihn so demütig bitten, dann wird er uns alles erklären. Dann wird er uns die Schrift verstehen lassen. Dann wird er die Kirchengeschichte erleuchten. Dann wird er seiner Kirche wieder Männer mit brennenden Herzen schenken, die offene Augen für seine Gegenwart haben.

Wenn wir Ihn nur bitten, dann werden auch uns mitten im Dunkel der Zeit die Augen aufgehen für das, was wirklich in der Kirche wichtig ist: Seine Heilsgegenwart im Altarsakrament, die uns niemals verlässt. Und wie die Jünger werden wir aufstehen und herausgehen ohne Angst vor der Zukunft, damit wir allen anderen sagen können, was heute und für alle Zeiten in der Kirche wirklich zählt: „Christus, gestern, heute und in Ewigkeit!“ Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

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