Predigt vom Gründonnerstag 2021

/ April 28, 2021/ Predigten

Kloster Maria Engelport

Predigt von 

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Gründonnerstag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν; Hoc facite in meam commemorationem; Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24) Dieser geheimnisvolle Einsetzungsbefehl der Eucharistie, den heute der Herr den Aposteln und damit der ganzen Kirche gegeben hat, erklärt uns, warum der Herr in unserer Mitte ist und bleibt, warum sein Priestertum fortlebt und warum wir alle durch diese außerordentlichen Gnaden Zugang zur ewigen Herrlichkeit haben. In diesen Worten sind im griechischen Urtext vor allen Dingen zwei Worte von Bedeutung. „ποιεῖτε [Poieite]“ ist das erste: „Tut dies!“ Damit – hier klingt die Struktur des Aramäischen nach, das der Herr gesprochen hat – setzt er der Kirche durch die Apostel eine feste Regel: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, nämlich so oft ihr dieses Heilige Opfer feiert. „Tut dies“, das bedeutet, dass er durch seine göttliche Kraft das, was im letzten Abendmahl geschieht, verewigt und fortsetzt.

Niemand aber könnte genau das tun, was der Herr getan hat, ohne die Vollmacht des Herrn zu besitzen. Deswegen wendet er sich in dem Moment, an dem er im Abendmahl sein Kreuzesopfer vorwegnimmt und damit bei der Wandlung von Brot und Wein, an die Aposteln und trägt ihnen auf zu handeln wie Er: „ποιεῖτε [Poieite]“ – tut dies, so wie Ich es getan habe, Ich gebe euch die Vollmacht, nicht nur in meinem Namen, sondern in meiner Person zu handeln. Deswegen sagt seit 2000 Jahren der Priester, wenn er die Wandlungsworte spricht, nicht wie bei der Kommunion: „Seht der Leib Christi“, sondern er sagt: „Das ist mein Leib“. Er spricht also in der ersten Person, weil in diesem Augenblick durch den Auftrag und die Vollmacht, die vor 2000 Jahren die Apostel von Christus erhalten haben, jeder Priester selbst Christus ist und deswegen die Heilige Wandlung als ein alter Christus, ein anderer Christus, wie Christus selbst vollzieht.

Deswegen ist die Handlung, der wir in jeder Messe beiwohnen dürfen, immer eine einzigartige, denn sie ist das Opfer Jesu Christi selbst. Sie ist das, was dem Priester aufgetragen ist als Zentrum seines eigenen und als Zentrum des gesamten kirchlichen Lebens. Wenn diese Handlung Christi aufhören würde, was sie, solange diese Welt besteht, niemals tun wird, dann wäre alles zu Ende. Dann wäre Christus nicht mehr unter uns, dann würde sein Opfer nicht mehr gegenwärtig gesetzt und dann würde uns die Frucht der Erlösung, die er uns am Kreuz erworben hat, nicht mehr geschenkt und sein erlösendes und sühnendes Blut nicht mehr für uns vergossen.

Christus, der Gott und Mensch gleichzeitig ist, wusste das und hat deswegen seinen Priestern diese Vollmacht und diese Gewalt gegeben, die niemand ihnen nehmen kann. Auch der unwürdige Priester, eben dadurch, dass Christus in ihm handelt, damit die Kirche nicht ohne das Opfer Christi ist, behält diese Gewalt und kann tun, was Christus ihm zu tun aufgetragen hat. Christus verlässt seine Kirche niemals und hat alles dafür getan, auch dann bei ihr bleiben zu können, wenn menschliche Kräfte versagen!

„ποιεῖτε [poieite]“ – Tut dies, und zwar: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Das zweite wichtige Wort des heutigen Abends ist „ἀνάμνησις [anamnesis]“ – Gedächtnis. Wir sehen in diesem uralten Text das Alte Testament reflektiert: Wir wissen, dass „[anamnesis]“ eine Wiedergabe des hebräischen Wortes „זִכְרוֹן [zikaron]“ ist, das das mächtige Gedächtnis des jüdischen Volkes an den Auszug aus Ägypten wachruft (Ex 13, 9). Gedächtnis, aber Gedächtnis nicht nur so, wie man einer verstorbenen Person gedenkt oder wie man sich an etwas Wichtiges erinnert, sondern Gedächtnis in der ganzen Fülle der göttlichen Kraft: Gedächtnis als gottgewirkte Gegenwärtigsetzung! Das eucharistische Gedächtnis der Kirche hat durch die Vollmacht Christi die Kraft zu bewirken, was es erinnert! Zwischen dem Kreuzesopfer, dem Abendmahl und der Heiligen Messe besteht deswegen kein Unterschied. Wer der heiligen Messe beiwohnt, wer sie in ihrer feierlichen Form, so wie am heutigen Gründonnerstag, oder in ihrer bescheidenen stilleren Form, wie sie jeder Priester jeden Tag zelebrieren sollte, erleben und mitfeiern darf, der steht unter dem Kreuz und der ist wie die Gottesmutter gegenwärtig beim Abendmahl.

Das Gedächtnis der Messe ist ein zeitloses Gedächtnis: Durch die Kraft Jesu Christi, die er den Aposteln und der Kirche gegeben hat, wird ein Tor geöffnet zwischen Zeit und Ewigkeit. Durch dieses Tor dringt die göttliche Allmacht, durch dieses Tor kommt der Heilige Geist auf die Gaben herab und wandelt sie völlig um. Aus Brot wird Fleisch, aus Wein wird Blut! Die Gottheit und die Menschheit, die Seele und der Leib unseres Herrn Jesu Christi sind gegenwärtig auf unseren Altären und bleiben wunderbar gegenwärtig in unseren Tabernakeln.

Die Kirche lebt schon immer in großer Ehrfurcht vor diesem Geheimnis. Wir sind heute vom Heiligen Paulus, der diesen Einsetzungsbefehl wie der Evangelist Lukas wiedergibt, dringend aufgerufen, uns diese überlieferte Ehrfurcht der Kirche zu eigen zu machen, denn wer den Leib des Herrn unwürdig isst und das Blut des Herrn unwürdig trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, wie der Völkerapostel sagt (vgl. 1 Kor 11, 27-29). Kommen wir also zu diesem Tisch der Liebe unseres Herrn Jesus Christus in der festen Glaubensüberzeugung, dass er uns seinen Leib und sein Blut zur Speise für unsere Erlösung gibt. Kommen wir nicht, wenn wir schwere Sünden auf uns geladen haben, kommen wir nicht, wenn wir nicht wohlvorbereitet sind durch eine regelmäßige Beichte, auch wenn wir uns nur lässlicher Sünden bewusst sind.  Es ist wichtig, dass wir mit der Kirche aller Zeiten wissen, dass in der Eucharistie ein Geheimnis lebt, dem unsere tiefste Ehrfurcht gebührt. Dieses Geheimnis ist so groß, dass es sogar die Engel nicht fassen können, so groß und einzigartig, so sehr mit der Gottheit und Menschheit Christi verbunden, dass sie es sogar nicht vollziehen können.

Nur der menschliche Priester, sei er so bescheiden und arm und zerbrechlich wie auch immer, ist durch Christi göttliche Vollmacht Christus in dem Moment, wo er die Wandlungsworte spricht. Danken wir deswegen trotz aller Angriffe auf unsere Priester dafür, dass Christus uns das Priestertum geschenkt hat und beten wir am heutigen Abend für all die vielen Priester, die mit großen Opfern und unter vielen Schwierigkeiten heute in den Pfarreien und Klöstern noch immer treu das Opfer vollziehen und den Glauben verkündigen. Danken wir ihnen, dass sie den Befehl unseres Herrn Jesus Christus ernst nehmen und weiter tun, was er ihnen aufgetragen hat zu tun, damit jenes wahre Gedächtnis, das gegenwärtig setzt, was es erinnert und was es bedeutet, nicht aufhört, in der Kirche würdig zelebriert zu werden. Beten wir dankbar für unsere Priester!

Wenn wir die Tiefe dieses Einsetzungsbefehls Christi erfassen, können wir verstehen, warum der heilige Johannes im 6. Kapitel seines Evangeliums jene ewigen Worte des Herrn, die schon damals Anstoß erregten, trotzdem unverfälscht wiedergibt: „Wer Mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben!“ (Jo 6, 54) Der Herr gibt uns sein Fleisch und sein Blut als Speise und Trank! Werden wir vor diesem bleibenden Wunder demütig, werfen wir uns dankbar auf die Knie, vergrößern wir unsere persönliche Ehrfurcht vor dem Priestertum und dem Heiligen Altarsakrament vor allen Dingen dann, wenn wir in der Heiligen Kommunion Fleisch und Blut Jesu Christi empfangen dürfen! Dann wird nämlich nicht nur ein Tor aufgemacht zwischen Zeit und Ewigkeit, sondern dann wird durch den Befehl, den Christus seiner Kirche gegeben hat, wenn wir ihn mit Ehrfurcht hören, auch ein Tor in unser steinernes Herz gebrochen! Dann kann in dieses Herz, das oft voll Sünde und voll Unruhe ist, endlich der Friede einkehren, den nur Jesus Christus geben kann. Amen.

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